Altersvorsorge

Rentenlücke realistisch berechnen: So groß ist sie wirklich

Die gesetzliche Rente ersetzt nur einen Teil des letzten Nettos — die Differenz plus Inflation ist Ihre Lücke.

Fast jeder unterschätzt, wie weit das letzte Gehalt und die spätere Rente auseinanderliegen. Das Rentenniveau liegt bei rund 48 Prozent — und das bezieht sich auf den Durchschnittsverdiener nach 45 Beitragsjahren, nicht auf Ihr persönliches Netto. Wer seine Lücke kennt, kann sie schließen. Wer sie ignoriert, merkt sie erst, wenn es spät ist.

Die Rentenlücke ist der Betrag, der Ihnen im Ruhestand monatlich fehlt, um Ihren gewohnten Lebensstandard zu halten. Sie ergibt sich aus der Differenz zwischen dem, was Sie zuletzt netto zur Verfügung hatten, und dem, was die gesetzliche Rente nach Steuern und Beiträgen davon abdeckt. Diese Differenz ist fast immer größer, als man denkt.

Warum 48 Prozent nicht 48 Prozent Ihres Gehalts sind

Das viel zitierte „Rentenniveau von 48 Prozent" ist eine statistische Kennzahl, kein Versprechen für Ihren Geldbeutel. Es vergleicht die Standardrente eines Eckrentners — jemand, der 45 Jahre lang exakt den Durchschnitt verdient hat — mit dem Durchschnittseinkommen. Mit Ihrem konkreten letzten Nettogehalt hat diese Zahl wenig zu tun.

In der Praxis fällt das Verhältnis von tatsächlicher Rente zu letztem Netto bei vielen deutlich ungünstiger aus: Lücken durch Studium, Teilzeit, Selbstständigkeit oder schlicht ein überdurchschnittliches Gehalt drücken die persönliche Ersatzquote oft unter 50 Prozent des letzten Nettos.

~ 48 %
gesetzliches Rentenniveau (Standardrente)
~ 1.180 €
durchschnittliche Altersrente pro Monat
~ 1.913 € brutto
Standardrente nach 45 Jahren (ab Juli 2026)

Achtung Unterschied

Die durchschnittliche tatsächlich gezahlte Altersrente liegt brutto bei rund 1.180 Euro im Monat — und damit klar unter der Standardrente des Modell-Eckrentners. Frauen erhalten im Schnitt deutlich weniger als Männer. Der Durchschnitt ist also kein beruhigender Wert, sondern eher eine Warnung.

Die drei Größen, die Ihre Lücke bestimmen

  • Ihr Versorgungsbedarf im Alter: meist 70–85 Prozent des letzten Nettos, weil einige Kosten wegfallen (Arbeitsweg, Tilgung), andere aber steigen (Gesundheit, Reisen).
  • Ihre voraussichtliche gesetzliche Rente: steht in der jährlichen Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung — der heutige Wert, nicht inflationsbereinigt.
  • Die Inflation bis zum Ruhestand und währenddessen: Sie entwertet sowohl Ihre künftige Rente als auch jeden heute gesparten Euro.

Inflation: der stille Posten

Die Europäische Zentralbank strebt mittelfristig eine Inflation von rund 2 Prozent an. Das klingt harmlos, summiert sich aber: Bei 2 Prozent halbiert sich die Kaufkraft des Geldes in etwa 35 Jahren. Ein Betrag von 2.000 Euro hat dann real nur noch die Kaufkraft von rund 1.000 Euro von heute. Wer mit 35 plant, muss seine Lücke also doppelt sehen — in heutiger und in künftiger Kaufkraft.

Schritt für Schritt zur eigenen Zahl

  1. 01

    Letztes Netto ansetzen

    Schätzen Sie Ihr voraussichtliches letztes Nettoeinkommen vor dem Ruhestand — realistisch, nicht das heutige eins zu eins.

  2. 02

    Bedarf festlegen

    Rechnen Sie mit 70–85 Prozent dieses Nettos als monatlichem Bedarf im Ruhestand. Wer mehr vorhat, setzt höher an.

  3. 03

    Gesetzliche Rente abziehen

    Nehmen Sie den Wert aus Ihrer Renteninformation — und beachten Sie, dass davon noch Kranken- und Pflegeversicherung sowie ggf. Steuern abgehen.

  4. 04

    Inflation einrechnen

    Rechnen Sie Bedarf und Rentenlücke mit 2–2,5 Prozent Inflation pro Jahr auf das Renteneintrittsalter hoch.

  5. 05

    Gesamtkapital ableiten

    Multiplizieren Sie die jährliche Lücke grob mit der erwarteten Rentendauer — als erste Hausnummer für das nötige Vermögen.

Ein Rechenbeispiel

Angenommen, Ihr letztes Netto beträgt 3.200 Euro. Ihr Bedarf im Alter liegt bei 80 Prozent, also 2.560 Euro. Ihre gesetzliche Rente bringt nach Abzügen netto rund 1.500 Euro.

PositionBetrag pro Monat
Bedarf im Ruhestand (80 % vom Netto)2.560 €
Gesetzliche Rente (netto)1.500 €
Rentenlücke heute1.060 €
Rentenlücke in 25 Jahren (2 % Inflation)~ 1.740 €

Über eine angenommene Rentendauer von 20 Jahren ergibt allein die heutige Lücke einen Kapitalbedarf im sechsstelligen Bereich — und das ist die konservative Rechnung ohne Inflation während des Ruhestands. Die Zahl wirkt groß, ist aber genau der Grund, warum frühes Handeln so viel ausmacht.

Wichtig

Diese Rechnung ist eine Orientierung, keine verbindliche Prognose. Steuerliche Behandlung der Rente, individuelle Erwerbsbiografie und die tatsächliche Inflation können das Ergebnis spürbar verschieben. Für eine belastbare Planung lohnt der Blick in die persönliche Renteninformation und ein Gespräch mit fachkundiger Begleitung.

Wo finde ich meine voraussichtliche gesetzliche Rente?

In der jährlichen Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung, die Sie ab einem gewissen Versicherungsverlauf automatisch erhalten. Der ausgewiesene Betrag ist der heutige Wert — die Inflation bis zum Rentenbeginn ist darin nicht berücksichtigt.

Muss ich auf meine Rente Steuern und Beiträge zahlen?

Ja. Von der Bruttorente gehen Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung ab, und ein steigender Anteil der Rente ist einkommensteuerpflichtig. Deshalb sollten Sie für die Lücke immer mit der Nettorente rechnen.

Reicht die gesetzliche Rente nicht für den Grundbedarf?

Für einen sehr einfachen Lebensstandard mag sie reichen — den gewohnten Lebensstandard deckt sie bei den meisten Menschen nicht. Genau diese Differenz ist die Rentenlücke, die über zusätzliche Vorsorge geschlossen werden muss.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Rentenniveau von 48 Prozent bezieht sich auf den Modell-Eckrentner, nicht auf Ihr persönliches Netto.
  • Die durchschnittlich gezahlte Altersrente liegt brutto bei rund 1.180 Euro im Monat.
  • Rechnen Sie mit einem Bedarf von 70–85 Prozent des letzten Nettos im Ruhestand.
  • Inflation halbiert die Kaufkraft in etwa 35 Jahren — die Lücke wächst über die Zeit.
  • Die persönliche Renteninformation ist der Startpunkt jeder ehrlichen Berechnung.

Quellen

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Steuer-, Rechts- oder Anlageberatung. Angaben nach bestem Wissen, ohne Gewähr; Rechtsstand kann sich ändern.

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