Inflation & Kaufkraft

Realzins: warum nominale Zinsen täuschen

Erst wenn man die Inflation abzieht, zeigt sich, ob Vermögen wirklich wächst — der Realzins ist der ehrliche Maßstab.

Eine Bank wirbt mit „3 % Zinsen", eine andere mit „1 %" — und trotzdem kann die erste die schlechtere Wahl sein. Denn die beworbene Zahl ist der Nominalzins, und der sagt allein nichts darüber aus, ob die Kaufkraft steigt. Wer den Realzins versteht, durchschaut diese Täuschung und trifft Entscheidungen auf der richtigen Grundlage.

Geld hat zwei Seiten: die Zahl und das, was man dafür bekommt. Der Nominalzins beschreibt nur die Zahl — wie viel mehr Euro am Jahresende auf dem Konto stehen. Ob diese Euro auch mehr wert sind, hängt davon ab, wie sich die Preise entwickelt haben. Genau diese zweite Seite erfasst der Realzins.

Die Formel hinter dem Realzins

Vereinfacht gilt: Realzins ≈ Nominalzins minus Inflationsrate. Wer es genau nimmt, rechnet die Inflation nicht ab, sondern heraus — über die sogenannte Fisher-Gleichung. Für den Alltag reicht die einfache Subtraktion fast immer aus, um die richtige Größenordnung zu erkennen.

3,0 %
Nominalzins
2,6 %
Inflation (Mai 2026)
+0,4 %
Realzins (überschlägig)

In diesem Beispiel wächst das Vermögen real nur um etwa 0,4 % — und das noch vor Steuern. Zieht man die Abgeltungsteuer auf den Zinsertrag ab, kann der reale Ertrag schnell gegen null oder ins Negative rutschen.

Steuern nicht vergessen

Der ehrlichste Maßstab ist der Realzins nach Steuern: erst die Abgeltungsteuer (25 % plus Solidaritätszuschlag, ggf. Kirchensteuer) vom Nominalzins abziehen, dann die Inflation. Oberhalb des Sparerpauschbetrags von 1.000 € pro Person (2.000 € bei Zusammenveranlagung) greift diese Steuer auf Zinserträge.

Negative Realzinsen sind kein Ausnahmefall

Viele Sparer gehen davon aus, dass Zinsen normalerweise „echtes" Wachstum bedeuten. Die Daten der Deutschen Bundesbank zeichnen ein anderes Bild: Über lange Zeiträume waren die Realzinsen auf Bankeinlagen häufiger negativ als positiv. Das heißt, geparktes Geld hat eher Kaufkraft verloren als gewonnen.

PhaseWas passierteRealzins
1970er Jahre (Ölkrisen)Hohe Inflation, Zinsen kamen nicht hinterherdeutlich negativ
Anfang der 1990erInflation nach der Wiedervereinigungzeitweise negativ
2010er Jahre (Niedrigzins)Niedrige Zinsen, moderate Inflationmeist leicht negativ
2021–2023Inflationsschub bei niedrigen Einlagenzinsenstark negativ

Besonders ausgeprägt war der Effekt in den Jahren 2021 bis 2023: Während die Inflation zeitweise über 7 % lag, brachten Tagesgeldkonten kaum Zinsen. Wer sein Vermögen dort ließ, verlor real spürbar an Kaufkraft — Jahr für Jahr.

Warum die nominale Zahl trotzdem so anziehend ist

Menschen reagieren auf die sichtbare Zahl, nicht auf die unsichtbare Kaufkraft. Verhaltensökonomen nennen das Geldwertillusion: Ein steigender Kontostand fühlt sich nach Gewinn an, selbst wenn die Preise schneller steigen. Genau diese Illusion machen sich plakative Zinswerbungen zunutze.

Was Sparer daraus mitnehmen sollten

Der Realzins ist kein theoretisches Konzept, sondern eine praktische Entscheidungshilfe. Drei Konsequenzen ergeben sich daraus:

  • Zinsangebote immer gegen die aktuelle Inflation und die eigenen Steuern prüfen, nie isoliert betrachten.
  • Für kurzfristig benötigtes Geld zählt Sicherheit — ein leicht negativer Realzins ist hier ein akzeptabler Preis.
  • Für langfristiges Vermögen lohnt der Blick auf Anlageklassen, die historisch eine Chance hatten, die Inflation real zu schlagen — bei entsprechend höherem Schwankungsrisiko.

Aktien-ETFs, Immobilien und andere Sachwerte sind über lange Zeiträume real häufiger gewachsen als reine Zinsanlagen — garantiert ist das jedoch nie, und jede Klasse bringt eigene Schwankungen und Risiken mit. Der Realzins liefert nicht die Antwort, welche Anlage richtig ist, aber er stellt die richtige Frage: Wächst mein Geld wirklich — oder nur die Zahl auf dem Konto?

Kann der Realzins negativ sein, obwohl ich Zinsen bekomme?

Ja, und das ist der häufigste Fall. Sobald die Inflation höher ist als Ihr Zins nach Steuern, ist der Realzins negativ — Sie bekommen mehr Euro, können sich dafür aber weniger kaufen.

Welche Inflationsrate setze ich in die Rechnung ein?

Für eine grobe Einschätzung die aktuelle Jahresrate des Statistischen Bundesamts. Für langfristige Planung ist ein Durchschnittswert über mehrere Jahre realistischer, da einzelne Monate stark schwanken können.

Gilt der Realzins auch für Kredite?

Ja. Bei Krediten wirkt er umgekehrt zu Ihren Gunsten: Steigt die Inflation, sinkt die reale Last einer festverzinsten Schuld, weil Sie sie mit „weniger werthaltigem" Geld zurückzahlen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nominalzins ist die beworbene Zahl, Realzins der ehrliche Maßstab: Nominalzins minus Inflation.
  • Der genaueste Wert ist der Realzins nach Steuern — erst Abgeltungsteuer abziehen, dann Inflation.
  • Historisch waren Realzinsen auf Einlagen häufiger negativ als positiv (Quelle: Bundesbank).
  • 2021–2023 verloren Sparguthaben real besonders stark an Kaufkraft.
  • Die Geldwertillusion lässt steigende Kontostände als Gewinn erscheinen — auch wenn die Kaufkraft sinkt.

Quellen

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Steuer-, Rechts- oder Anlageberatung. Angaben nach bestem Wissen, ohne Gewähr; Rechtsstand kann sich ändern.

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